Vorsteuerabzug 2026: Voraussetzungen, Berechnung und Beispiele

Der Vorsteuerabzug ist ein zentrales Prinzip der Umsatzsteuer: Unternehmer dürfen die in Eingangsrechnungen enthaltene Mehrwertsteuer von ihrer eigenen Umsatzsteuerschuld abziehen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Umsatzsteuer nur den Endverbraucher belastet – nicht die Unternehmen in der Lieferkette.

Was ist Vorsteuer? Definition

Vorsteuer = die Umsatzsteuer, die ein Unternehmer beim Einkauf von Waren oder Dienstleistungen an einen anderen Unternehmer zahlt.

Vorsteuerabzug = das Recht, diese gezahlte USt von der eigenen Umsatzsteuerschuld abzuziehen.

USt-Zahllast = Eingenommene USt (auf eigene Rechnungen) − Vorsteuer (aus Eingangsrechnungen)

Ist die Vorsteuer höher als die eingenommene Umsatzsteuer, ergibt sich ein Vorsteuerüberhang – das Finanzamt erstattet die Differenz.

Beispiel: So funktioniert der Vorsteuerabzug

Schreiner kauft Holz für 1.190 € brutto (1.000 € netto + 190 € USt)
→ Die 190 € USt sind seine Vorsteuer

Schreiner verkauft einen Tisch für 2.380 € brutto (2.000 € netto + 380 € USt)
→ Die 380 € USt muss er ans Finanzamt abführen

Zahllast = 380 € − 190 € = 190 € an das Finanzamt

Ergebnis: Besteuert wird nur die Wertschöpfung von 1.000 € (Netto-Differenz).

Voraussetzungen für den Vorsteuerabzug

Nach § 15 UStG müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

1. Unternehmereigenschaft
Der Empfänger muss Unternehmer im Sinne des § 2 UStG sein und die Leistung für sein Unternehmen beziehen
2. Ordnungsgemäße Rechnung
Es muss eine Rechnung mit allen Pflichtangaben nach § 14 UStG vorliegen (inkl. USt-Ausweis)
3. Leistung für das Unternehmen
Die Leistung muss für das Unternehmen bestimmt sein (nicht für private Zwecke)

Zusätzlich gilt:

  • Die Rechnung muss den leistenden Unternehmer, den Leistungsempfänger und die Leistung eindeutig bezeichnen
  • Bei Reverse-Charge-Leistungen: Vorsteuerabzug nach § 15 Abs. 1 Nr. 4 UStG
  • Bei Einfuhrumsatzsteuer: Vorsteuerabzug nach § 15 Abs. 1 Nr. 2 UStG

Wann ist der Vorsteuerabzug ausgeschlossen?

In folgenden Fällen ist kein Vorsteuerabzug möglich:

  • Kleinunternehmer nach § 19 UStG – sie erheben keine USt und dürfen daher keine Vorsteuer abziehen
  • Steuerfreie Umsätze nach § 4 UStG (ohne Optionsmöglichkeit) – z. B. Ärzte, Versicherungsvertreter, Vermieter von Wohnraum
  • Private Nutzung – Vorsteuer nur für unternehmerisch genutzte Leistungen
  • Unberechtigter USt-Ausweis – wenn der Rechnungssteller USt ausweist, obwohl er nicht dazu berechtigt ist (§ 14c UStG)
  • Fehlende oder fehlerhafte Rechnung – ohne ordnungsgemäße Rechnung kein Vorsteuerabzug
  • Repräsentationsaufwendungen nach § 15 Abs. 1a UStG (z. B. Jagd, Fischerei, Segeljachten)

Vorsteuer bei gemischter Nutzung

Wird ein Wirtschaftsgut sowohl unternehmerisch als auch privat genutzt (z. B. ein Firmenwagen), muss die Vorsteuer aufgeteilt werden:

Beispiel Firmenwagen: Ein Unternehmer nutzt seinen PKW zu 70 % geschäftlich und 30 % privat. Von der in der Kaufrechnung enthaltenen USt darf er 70 % als Vorsteuer abziehen. Die private Nutzung muss als unentgeltliche Wertabgabe versteuert werden (1 %-Regelung oder Fahrtenbuch).

Ist-Versteuerung vs. Soll-Versteuerung

Für den Zeitpunkt des Vorsteuerabzugs ist die Versteuerungsart relevant:

Kriterium Soll-Versteuerung (§ 16 UStG) Ist-Versteuerung (§ 20 UStG)
USt entsteht Bei Rechnungsstellung / Leistungserbringung Bei Zahlungseingang
Vorsteuerabzug Bei Rechnungseingang + Leistungserbringung Bei Rechnungseingang + Leistungserbringung
Voraussetzung Standard für alle Unternehmer Gesamtumsatz ≤ 800.000 € oder Freiberufler
Vorteil Liquiditätsvorteil: USt erst bei Zahlungseingang fällig

Wichtig: Der Vorsteuerabzug steht in beiden Fällen bereits bei Rechnungseingang zu – unabhängig davon, ob die Rechnung schon bezahlt wurde. Das gilt seit einem BFH-Urteil auch für Ist-Versteuerer.

Vorsteuerabzug und E-Rechnung

Mit der E-Rechnungspflicht ab 2025/2027 ändert sich auch der Vorsteuerabzug: Nach Ablauf der Übergangsfristen wird eine ordnungsgemäße E-Rechnung (XRechnung oder ZUGFeRD) Voraussetzung für den Vorsteuerabzug bei B2B-Umsätzen.

Vorsteuer in der Umsatzsteuer-Voranmeldung

Der Vorsteuerabzug wird in der Umsatzsteuer-Voranmeldung (UStVA) geltend gemacht, die über ELSTER eingereicht wird. Die relevanten Zeilen:

  • Zeile 55: Vorsteuerbeträge aus Rechnungen anderer Unternehmer (§ 15 Abs. 1 Nr. 1 UStG)
  • Zeile 56: Vorsteuer aus innergemeinschaftlichem Erwerb
  • Zeile 57: Entstandene Einfuhrumsatzsteuer
  • Zeile 58: Vorsteuer aus Reverse-Charge-Leistungen (§ 13b UStG)

Häufige Fragen zum Vorsteuerabzug

Kann ich als Kleinunternehmer Vorsteuer abziehen?
Nein. Wer die Kleinunternehmerregelung nutzt, verzichtet auf den Vorsteuerabzug. Das kann bei hohen Investitionen nachteilig sein. In diesem Fall kann es sich lohnen, zur Regelbesteuerung zu optieren.
Wie lange kann ich Vorsteuer rückwirkend geltend machen?
Die Vorsteuer kann in der UStVA des Voranmeldungszeitraums geltend gemacht werden, in dem die Rechnung eingegangen ist und die Leistung erbracht wurde. Wurde die Vorsteuer vergessen, kann sie bis zur Festsetzungsverjährung (in der Regel 4 Jahre) nachgeholt werden.
Ist Vorsteuerabzug bei Bewirtungskosten möglich?
Ja, aber eingeschränkt. Die Vorsteuer aus geschäftlich veranlassten Bewirtungskosten ist zu 100 % abziehbar (nicht nur 70 % wie bei der Einkommensteuer). Voraussetzung: ordnungsgemäßer Bewirtungsbeleg mit Anlass, Teilnehmern und Unterschrift.
Kann ich Vorsteuer aus Tankquittungen abziehen?
Ja, sofern die Tankquittung als Kleinbetragsrechnung (bis 250 € brutto) alle erforderlichen Angaben enthält: Name und Anschrift des Verkäufers, Datum, Menge und Art des Produkts, Bruttobetrag und Steuersatz.
Was passiert bei einer fehlerhaften Rechnung?
Ohne ordnungsgemäße Rechnung kein Vorsteuerabzug. Rechnungsfehler können aber rückwirkend korrigiert werden (berichtigte Rechnung nach § 31 Abs. 5 UStDV). Der Vorsteuerabzug gilt dann ab dem Zeitpunkt der Ursprungsrechnung.

Quellen